Tokoname ist keine Keramikstadt, die irgendwann berühmt geworden ist. Sie war von Anfang an die größte. Unter den sechs altehrwürdigen Brennöfen Japans — den Rokkoyo, den Sechs Alten Kilns — gilt Tokoname als die älteste und im Mittelalter größte Töpferregion des Landes. Auf der Chita-Halbinsel in der Präfektur Aichi wurden rund 3.000 mittelalterliche Brennofenruinen dokumentiert. Keine andere Region Japans hat annähernd so viele hinterlassen. Produktion seit dem späten Heian-Zeitalter — um das Jahr 1100 — ununterbrochen. Neun Jahrhunderte Ton.

Die Sechs Alten Kilns — und warum Tokoname an erster Stelle steht

Der Begriff Rokkoyo wurde um 1948 vom Keramikforscher Fujio Koyama geprägt, um jene sechs japanischen Töpferregionen zu bezeichnen, die seit dem Mittelalter ohne Unterbrechung produzieren: Tokoname (Aichi), Seto (Aichi), Echizen (Fukui), Shigaraki (Shiga), Tanba-Tachikui (Hyogo) und Bizen (Okayama). 2017 erhielten sie gemeinsam den Status „Japan Heritage".

Was Tokoname von den anderen fünf unterscheidet, ist die schiere Größe und das Alter. Die Töpfertechniken Tokonamas verbreiteten sich im 12. Jahrhundert nach Echizen, Tanba und Shigaraki. Die anderen lernten von hier. Drei Faktoren erklären die Dominanz: die eisenreichen Tonvorkommen der Chita-Halbinsel aus Sedimenten des urzeitlichen Tokai-Sees (vor 650.000 bis einer Million Jahren), ausreichend Holz als Brennmaterial, und direkter Zugang zur Ise-Bucht für den Seehandel.

Tokoname Töpfergarten — UNEARTHED Gallery München

Shudei: Der eisenrote Ton und seine Wirkung auf Tee

Die Erfindung, für die Tokoname heute weltbekannt ist — die Shudei-Teekanne — ist überraschend jung. 1854 gelang dem Töpfer Jumon Sugie (1827–1897) die erste Shudei-Kanne aus dem eisenreichen roten Ton der Region, inspiriert von den Yixing-Kannen aus Jiangsu, China.

Was macht Shudei-Ton besonders? Der rötliche Farbton — shu bedeutet Zinnoberrot — entsteht durch hohen Gehalt an Eisenoxid (Fe₂O₃). Im Kontakt mit heißem Wasser und Tee entfaltet sich eine chemische Wechselwirkung: Die Eisenionen binden sich an Tannine und Catechine im Grüntee und dämpfen deren Adstringenz. Die Bitternote tritt zurück, die L-Theanin-basierten Umami-Noten kommen stärker zur Geltung.

Das ist kein Marketing. Der Mechanismus — Eisenionen als Tannin-Binder — ist chemisch nachvollziehbar. Die unglasierten Poren absorbieren zudem über die Zeit Teearomen und konditionieren sich auf einen bestimmten Tee ein. Eine Shudei-Kanne wird mit einer einzigen Teesorte eingearbeitet und bleibt ihr treu.

Yakishime: Das andere Tokoname

Neben Shudei steht Yakishime — hochgebrannte, unglasierte Steinzeugkeramik. Die ältere der beiden Traditionen: Die mittelalterlichen Vorratsgefäße, die in ganz Japan verschifft wurden, waren Yakishime. Dunkler, dichter, weniger porös als Shudei. Neutraler in der Interaktion mit Tee — geeignet für kräftigere Grüntees, gereifte Tees oder Oolong.

Seiji Ito Shudei Hira Kyusu — Tokoname, UNEARTHED Gallery München

Die Formen und ihre Funktion

Kyusu (急須) — Seitengriffkanne. Präzises Einschenken ohne Kraftaufwand. Für Sencha, Kabusecha und die meisten japanischen Grüntees bei 60–80°C.

Ushirode Kyusu (後手急須) — Griff gegenüber der Tülle, wie bei einer europäischen Kanne. Langsameres, kontrolliertes Ausgießen. Tozan Yamada aus unserer Ausstellung spezialisiert sich auf diese Form.

Hohin (宝瓶) — ohne Griff. Gyokuro wird bei 50–60°C gebrüht — warm genug zum Halten. Der direkte Kontakt gibt Feedback über die Wassertemperatur.

Shiboridashi (絞り出し) — flach, schalenartig. Kein Sieb; der Deckel hält die Blätter zurück. Ideal für großblättrige Tees und konzentrierte Aufgüsse.

Yuzamashi (湯冷まし) — Abkühlbecher. Nimmt heißes Wasser auf und kühlt es auf Brühtemperatur ab. Bei Gyokuro, wo 10 Grad zu viel den Geschmack ruinieren, Notwendigkeit.

Die Töpfer in unserer Ausstellung

Seiji Ito — Shudei und Yakishime. Seine Hira Kyusu ist ungewöhnlich niedrig und breit, was eine gleichmäßige Extraktion bei geringer Schütthöhe ermöglicht. Dünne Wände, geringes Gewicht, schlichte Optik.

JUNZOHon Shudei in ungewöhnlicher Formenbreite: Kyusu, Gaiwan, Hohin, Yuzamashi und Weißporzellan. Ein Töpfer, der Brühmethoden ganzheitlich denkt.

MIZUNO — Hon Shudei Becher und Yuzamashi. Becher aus Shudei-Ton sind selten; Mizunos Stücke erlauben den konditionierenden Effekt des eisenreichen Tons auch beim direkten Trinken.

Tozan Yamada — Ushirode-Kyusu in Hon Shudei. In Tokoname hat der Name Yamada Gewicht: Yamada Jōzan III. erhielt 1998 die Auszeichnung als Lebender Nationalschatz (Ningen Kokuhō) für seine Shudei-Kyusu — der erste Töpfer der Präfektur Aichi mit dieser Ehrung.

YOKEI — Yakishime-Shiboridashi. Dunkle, dichte Oberfläche mit konzentrierter Brühform — für Teetrinker, die Direktheit suchen.

KOHOKUJO — Yakishime-Kyusu in der klassischen Seitengriffform. Dunkle Erde, sichtbare Brennspuren, schwere Präsenz.

Tozan Yamada Hon Shudei Kyusu — Tokoname, UNEARTHED Gallery München

Wie wählt man eine Tokoname-Kanne?

Shudei für gedämpfte japanische Grüntees — Sencha, Kabusecha, Gyokuro. Die Tannin-bindende Wirkung kommt bei Tees mit Adstringenz besonders zum Tragen. Eine Shudei-Kanne konditioniert sich mit der Zeit.

Yakishime ist vielseitiger, aber weniger intervenierend. Für verschiedene Sorten abwechselnd, Oolong oder gereifte Tees.

Größe: 100–200 ml für konzentrierte Mehrfachaufgüsse. Ab 300 ml für eine bis zwei Tassen. Pflege: Nur mit Wasser reinigen, nie mit Seife. Nach Gebrauch vollständig trocknen lassen.

Ausstellung: Tokoname bei UNEARTHED — 13. Juni bis 4. Juli 2026

Ab dem 13. Juni 2026 zeigen wir über hundert Stücke aus Tokoname: Kyusu, Hohin, Shiboridashi, Ushirode-Kannen, Becher, Yuzamashi — Shudei und Yakishime, von sechs Töpfern. Die Ausstellung läuft bis zum 4. Juli 2026.

Zum Eröffnungswochenende veranstalten wir zusammen mit Oscar Brekell geführte Shincha-Tastings: frischer Erstpflücktee aus Japan, serviert in Tokoname-Kannen. Plätze begrenzt — Tickets hier.

Tokoname ist kein Trend. Es ist die älteste, produktivste und technisch ausgefeilteste Töpfertradition Japans — in einer Stadt, die den Ton zu einem funktionalen Kunstwerk gemacht hat.

Marcel Karcher